Nur „schönes Wetter“?
Wie umgehen mit dem „Summer in the City“, wenn es zu heiß wird?
Das Thermometer zeigt 37,5 Grad. Kein Grund zur Beunruhigung, sagt die Ärztin, das ist nur erhöhte Temperatur. Schonen Sie sich, trinken Sie viel und melden Sie sich nochmals, wenn die Temperatur steigen sollte.
Das Thermometer zeigt 37,5 Grad – geplant ist zwischen 11 und 13 Uhr eine Tour zu Fuß durch die Berliner Innenstadt. Kein Grund zur Beunruhigung, wir sind ja alle fit – wirklich?
Gesunde Menschen haben eine Körpertemperatur zwischen 36 und 37 Grad. Ab wie viel Grad Außentemperatur wird es gefährlich für unsere Gesundheit? Das hängt nicht nur von der Temperatur, sondern auch der relativen Luftfeuchtigkeit ab. In Berlin beträgt sie im Sommer zwischen 65 und 67 %. In Kombintion mit der Außentemperatur ergibt sich die so genannte „Kühlgrenztemperatur“ oder „Feuchtkugeltemperatur“. Der entsprechende Online-Rechner rechnet aus, dass es in Berlin ab 36 Grad so weit ist: Der Körper kann nicht mehr genug Wärme durch Schwitzen abgeben, es droht die Überhitzung (Sonnenstich, Übelkeit, ältere und geschwächte Personen können daran sterben).
Die Deutsche Umwelthilfe hat für 190 deutsche Städte einen Hitze-Check gemacht. Sie hat untersucht, wie viel Beton und wie viel kühlendes Grün es gibt und wie viel Prozent der Einwohner in gefährlichen Hitze-Gebieten leben. Berlin wurde nach Bezirken ausgewertet und – wen wundert’s – Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte, Charlottenburg-Wilmersdorf, Lichtenberg und Tempelhof-Schöneberg sind Bezirke mit der stärksten Hitzebelastung. In Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg, und Charlottenburg-Wilmersdorf, also da, wo die touristischen Highlights sind, leben es über 60 Prozent der Menschen in stark hitzebelasteten Wohngegenden, in Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg sogar fast 80 Prozent.
Mit dem Wissen im Hinterkopf also lieber keinen Fußmarsch durch die Innenstadt? Aber was dann? Sollte man die Tour dennoch machen, so mit gutem Beispiel vorangehen und für Hitzeschutz (Kopfbedeckung, Sonnenschutz, Wasser, Wasser, Wasser) sorgen. Die Tour könnte verkürzt werden und es könnten zwischendurch kühlere Innenräume aufgesucht werden. Ausgerechnet Unter den Linden gibt es allerdings nur einen Trinkbrunnen der Berliner Wasserwerke, er befindet sich auf dem Mittelstreifen in der Höhe des „Einstein Unter den Linden“. Da ist noch Luft nach oben.
Oder man verzichtet auf die Tour in der Mittagszeit: Die World Federation of Tourist Guide Associations (WFTGA) rät dazu, sich bereits vorher Gedanken zu machen: bei entsprechender Wettervorhersage frühzeitig die Auftraggeber zu kontaktieren und Alternativen anzubieten: Stadtrundgänge früher anzusetzen, ein Ausweichprogramm an der Hand zu haben (in Museen ist es meist recht angenehm) oder auch schon langfristig die Frage von Stornierung zu bedenken. Schließlich wird eine Führung durch den Großen Tiergarten ja auch storniert werden, wenn die Meteorologen davor warnen, dass uns die Bäume um die Ohren fliegen könnten. Niemand wird bei Starkregen stur zwei Stunden lang durch das Parlamentsviertel laufen. Ebenso muss niemand bei Temperaturen in den 30ern durch die Innenstadt gehen – oder doch?
Wir müssen uns daran gewöhnen, dass Hitzetage eben nicht nur „schönes Wetter“ sind.
Unsere Fürsorge sollte dabei nicht nur unseren Gästen gelten – Städtetouren werden schließlich oft von älteren Menschen gebucht. Sondern auch uns selbst.
Gundula Schmidt-Graute